Das ganze Jahr über nicht einmal einen Schnupfen und dann das - drei Tage vor dem geplanten Abfahrtstermin eine Darminfektion! Ich habe das Gefühl, dass ich meine, so diszipliniert wie noch nie erarbeitete, Überform unwiederbringlich in die Kloschüssel entlasse. Frustriert muss ich die Abfahrt aufs Erste von Samstag auf Sonntag verschieben - laut Wetterbericht der einzig in Frage kommende Tag - wenn auch mit äußerst ungünstiger Föhnprognose. Den ganzen Samstag über trinke ich Heidelbeertee und versuche meine Gedärme mit Schonkost zu besänftigen.
Am Samstagabend ist klar - entweder wir starten Sonntagfrüh oder wir müssen auf unbestimmte Zeit verschieben - die ganze Woche über ist nasskaltes Schlechtwetter angesagt.
Also geht's Sonntagmorgen um sieben los. Der erste Abschnitt nach Chur, der bei normalen Schönwetterverhältnissen im Rheintal windbegünstigt ist und pfeilschnell absolviert werden kann, erfordert schon ein bisschen mehr Einsatz als erhofft.
Weiter gegen den mäßigen, aber spürbaren Föhn nach Thusis, durch die Via Mala und dann bei leichtem Regen mit konstant effizientem Tritt den Splügenpass hinauf.
Die Abfahrt hinunter nach Chiavenna ist landschaftlich grandios, der Straßenzustand nichtsdestotrotz eine Katastrophe - das soll, wie wir später noch merken und ausgiebig mit Flüchen bedenken, ein Vorgeschmack auf die vielen Rüttel- und Schüttelkilometer in Bella Italia sein.
Der Comosee an sich könnte ja ein schönes Fleckchen sein, wenn denn da nicht alles so verbaut und der viele Verkehr nicht wäre - was bleibt uns anderes übrig als aufs Tempo zu drücken und die Kilometer entlang dem Westufer möglichst schnell abzuspulen. In Como ein schneller Einkauf und dann gleich weiter Richtung Mailand.
In Monza bei knapp 300 km dann die erste Rast, wir verdrücken eine Portion Pasta, richten nebenher die Stirnlampen und machen uns bereit für die Nacht und den wieder einsetzenden Regen.
Auf der dunklen und nassen Fahrbahn lassen sich Schlaglöcher entsprechend schlecht ausmachen, und um Mitternacht fahre ich den ersten Platten - umständlich und nervig, so eine Reparatur mitten in der nassen Nacht.
Nachdem irgendwann der Großraum Mailand endgültig hinter uns liegt, wir aufkommende Versorgungsprobleme um ca. 2 Uhr nachts dank eines offenen Tankstellenshops beheben können, wird's langsam besser. Der Regen hat schon seit längerer Zeit aufgehört, nur noch vereinzelt begegnen wir Autos und wir pedalieren wieder konstant und effektiv durch die Nacht.
Gegen Morgen sind wir kurz vor Parma, hier verlassen wir die Poebene - nach den Alpen gilt es nun den Appenin zu überqueren. Zwei schnelle Cappuccini und ein köstliches, warmes Panino dazu und wir sind bereit für die Auffahrt zum Passo della Cisa - die Überquerung des Appenin ist ein Genuss - trotz der knapp 500 km, die wir inzwischen in den Beinen haben.
Unten am Mittelmeer ist dann Schluss mit der Besinnlichkeit - heiß, laut, Autos und Ampeln - so geht es eine Zeit lang unlustig dahin. Nach einem kurzen Mittagessen treffen wir auf einen kleinen Rennradtrupp - das motiviert! Die nächsten Kilometer vergehen wie im Flug, aber bald schon haben die Rennradler ihr Tagessoll erreicht, während vor uns immer noch an die 400 km liegen.
Der Nachmittag verläuft zäh. Wir sehen den schiefen Turm aus ein, zwei Kilometern Entfernung - ein kurzes Highlight, dann kämpfen wir wieder gegen den zunehmend stärker werdenden Wind. Das Tempo fällt phasenweise in den Keller und wir wollen uns lieber nicht ausrechnen, was das für unsere geplante Ankunftszeit bedeutet bzw. ob unter diesen Bedingungen ein Durchkommen überhaupt möglich ist. Thematisiert wird eine eventuelle Aufgabe sowieso nicht.
Kurz vor Follonica klatschen uns dann die ersten Sturmböen ins Gesicht. Wir kurven in die Stadt und flüchten zu einem Chinesen - Hunger haben wir wie die Bären. Essen, warten - der Sturm lässt nach - mit vollen Bäuchen geht es in die vorerst deutlich ruhigere Nacht. Wenigstens hat der Wind nachgelassen, auch wenn es schon wieder leicht zu regnen beginnt.
Kurz vor 3 Uhr nachts beginnt ein spektakuläres, nicht enden wollendes Gewitter - starker Regen und ein anhaltendes Feuerwerk an Blitzen wie wir es noch selten gesehen haben. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als an einer verlassenen Imbissbude am Straßenrand eine Dreiviertelstunde totzuschlagen. Irgendwann fahren wir im Regen weiter. Gegen halb fünf entscheiden wir uns für einen Powernap. Die Schlangenlinien, die wir inzwischen produzieren, werden immer bedenklicher. Um diese Zeit ist auch schon wieder der eine oder andere LKW unterwegs - nicht auszudenken, wenn wir im falschen Moment in die falsche Richtung abdriften. Also legen wir uns 15 Minuten an den Straßenrand und versuchen, kurz die Leitungen zu kappen.
Der Powernap hat nicht viel gebracht - bis Mitte Vormittag rollen wir in einem tranceähnlichen Zustand dahin - Gedankenfetzen, Geschichten, Gesichter ziehen vorbei und vertreiben uns die Zeit - zumindest ein Bewusstseinsteil scheint aber dem Radfahren treu zu bleiben - wir sind eine Spur kontrollierter unterwegs als in der ganz kritischen Phase am frühen Morgen und bleiben von einem vorzeitigen, flachgequetschten Ende auf italienischem Asphalt verschont.
Irgendwann hat man das Ziel vor Augen, natürlich erst im übertragenen Sinne, aber man spürt ihn, den großartigen Moment der Ankunft. Eigentlich ist man schon durch alle Höhen und Tiefen durch, man muss es nur noch stupide zu Ende treten. Die verbleibenden 30, 40 km legen wir in beachtlichem Tempo zurück. Am Ende sprinten wir die letzten Hügel hinauf und in die Stadt hinein, wo wir übermotiviert erstmal orientierungslos ein paar Runden drehen. Es vergeht tatsächlich noch eine Dreiviertelstunde, bevor wir die Räder endlich auf den Petersplatz schieben und dort unser Zielfoto vor dem Obelisken schießen.